Für einen meiner Kunden führe ich seit sieben Jahren regelmäßig thematisch ziemlich ähnliche Trainings durch. Das ist großartig, da sich die Vorbereitungszeit reduziert und der Aufwand des Briefings mit dem Kunden abnimmt. Gleichzeitig schafft diese Tatsache für mich eine gewisse Sicherheit. Ich weiß ungefähr, was auf mich zukommt, womit ich in den zwei Tagen zu rechnen habe und welche Diskussionen stattfinden werden.
Eine trügerische Sicherheit, wie sich bei einem der letzten Seminare herausstellte. Denn dass ein Dr. Jekyll zwischendurch immer wieder zu einem Mr. Hyde werden kann, stand noch nicht auf meinem ach so klaren Ablaufplan.
Wie immer verlief der Start zunächst mit Beschnuppern. Dr. Jekyll war wundervoll. Er hatte schon eine gewisse Ahnung von den basalen Themenbereichen der Kommunikation und Moderation – schließlich hatte er auch schon Erfahrung als Gruppensprecher. Das war nämlich mein Auftrag: Nach dem Training sollten die Teilnehmer ihre Mannschaft repräsentieren als Schnittstelle zu den Führungskräften, sollten Sitzungen vorbereiten und moderieren und für Produktivität, Arbeitssicherheit, Urlaubs- und Schichtplanung verantwortlich sein. Mein Freund Dr. Jekyll war bei den Diskussionen dabei, brachte konstruktive Beiträge und war in Gruppenarbeiten ungeheuer aktiv, auch beim Unterstützen der anderen und im Einbringen wichtiger Themen.
So far, so good! Das Training lief ruhig und souverän vor sich hin. Im Laufe des Nachmittags des ersten Tages wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, mir das für mich und meine Persönlichkeitsstruktur unabdingbare 'Ja, wir mögen dich!' von den Teilnehmern abzuholen. Damit das nicht so platt rüberkam mit der Frage 'Sind alle zufrieden?', hatte ich mir zurechtgelegt, die Teilnehmenden im Sinne einer 'Vergegenständlichung von Lernerfolgen' genau nach diesen zu fragen.
Dabei passierte Folgendes: Mr. Hyde fing mit der Runde an, sah mich ohne ein erkennbares weiches Element in seinen Gesichtszügen an und sagte mit fester Stimme sinngemäß: 'Also bis jetzt war in diesem Seminar nichts drin, was ich gelernt habe und was mir für meine Aufgabe als Gruppensprecher irgendwie nützt. Das war bis hierher reine Zeitverschwendung!' Zack, Faust in die Magengrube! Uuuumpf.
Irgendwie äußerten sich die anderen Teilnehmer auch noch, zwar weniger kritisch, aber angestachelt durch diese Eröffnung doch erheblich negativer, als ich es erwartet hatte. Doch darauf konnte ich mich in diesem Moment gar nicht mehr konzentrieren. Ich fragte mich dauernd selbst: Was zum Geier war das? Er hatte mitgearbeitet, seine Beiträge eingebracht, war aktiv anwesend – und haut dann so ein Feedback raus? Ich war erst einmal sprachlos.
Wie erwähnt, ist es mir als Trainer sehr wichtig, dass meine Teilnehmer zufrieden sind, auch dass sie gut unterhalten werden, und freilich habe ich die pädagogisch angehauchte Intention, dass sie etwas lernen können, was sie für sich und ihre Arbeit mit aus dem Seminar herausnehmen können. Dafür strample ich mich als Trainer ab – und dann kommt dieser undankbare Kerl ums Eck und sagt einfach so was! Na, den will, nein, muss ich doch noch einfangen.
Also: Voller Tatendrang und mit dem festen Willen, diesen Mr. Hyde in Dr. Jekyll zurückzuverwandeln, habe ich – ja, wir Trainer lernen so etwas – die Gelegenheit der Nachmittags-Kaffeepause für ein 'wertschätzend-konstruktiv-auf-den-Teilnehmer-eingehendes-mit-Ich-Botschaften-gepflastertes-Feedback' genutzt. Er lächelte nur und benahm sich anschließend während des weiteren Seminars wieder wie mein Dr. Jekyll – bis zum Abendfeedback. The same procedure.
Ich muss nicht erwähnen, dass sich diese Situation nicht mehr geändert hat. Das ging die vollen zwei Tage so: Mr. Hyde erklärte immer wieder ruhig und sachlich, dass die ganzen Themen völlig sinnlos seien. Dennoch arbeitete er immer wieder konstruktiv mit! Die für mich wirklich schwierige Herausforderung war nicht, dass da so ein Miesepeter saß – die gibt es in Trainings öfter. Hier war das Fatale, dass es derjenige war, der sich im Thema bereits einigermaßen auskannte. Das hieß für mich, dass ich sofort anfing, an mir und meiner Trainerleistung zu zweifeln: Ist das das richtige Thema für die Zielgruppe? Stimmt das Seminardesign? Sind meine Auflockerungen angemessen? Und, oh herrje: Habe ich womöglich alle Teilnehmer in den sieben Jahren davor auch schon bis zum Erbrechen gelangweilt?
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Fall aus der Trainerhölle, den wir in Ausgabe 5/2014 vorgestellt haben.